Juni 6

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Fremdverliebt – was jetzt?

Fremdverliebt: Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen und Vorfreude auf das nächste Zusammentreffen - alles einzigartig schöne Gefühle wäre da nur nicht die Tatsache, dass sie nicht deinem Partner / deiner Partnerin gelten. Und das, obwohl du doch bis eben noch meintest in einer glücklichen Beziehung zu leben.

Fühlst du dich tatsächlich zu zwei Menschen gleichzeitig hingezogen? Und darf dass überhaupt sein? Welche Ursachen es geben kann und ob ein Fremdverliebstsein das Aus für deine Beziehung bedeutet, erfährst du in diesem Artikel.


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Gefühle die nicht sein dürfen?

Verliebt zu sein ist ein großartiges Gefühl. Alles ist neu und aufregend und so bereichernd! Sich fremd zu verlieben ist oft ambivalenter und kann dabei viele Facetten haben:

Eine heimliche Schwärmerei für die neue Arbeitskollegin, ein knisternder Flirt beim Sport oder tiefe Gespräche mit einem alten Schulfreund lassen auf der einen Seite Gefühle mal ganz plötzlich entstehen oder sich langsam entwickeln.

Auf der anderen Seite steckst du vielleicht in einer langjährigen Beziehung. Ihr wollt zusammen alt werden, hab vielleicht Kinder und gemeinsame Projekte und Verpflichtungen, die euch verbinden. 

fremdverliebt was jetzt

Dabei sind Verliebtsein und Liebe zwei unterschiedliche Emotionen: Verliebt sein ist Leidenschaft, Aufregung und der Reiz des Unbekannten, jemanden zu lieben basiert auf tiefer Verbundenheit, Vertrauen, Freundschaft und letztlich auch auf der aktiven Entscheidung, deinem Partner / deiner Partnerin in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite zu stehen.

Wahrscheinlich liebst du deinen Partner und bist gleichzeitig in einen anderen Menschen verliebt. Zwei ähnliche und doch ganz andere Dinge.

Und beides darf sein, Liebe und Verliebtsein dürfen für eine Zeit lang nebeneinander existieren. Ganz ohne Verdrängung und schlechtes Gewissen. Das hilft dir, deinem Partner gegenüber fair zu bleiben und dich nicht in etwas verrennen. Und nur so gelingt dir ein Blick auf die möglichen Ursachen. 


Warum verliebe ich mich trotz Partner*in in einen anderen Menschen?

Vielleicht fragst du dich warum, genau dir das "passiert" ist. Eigentlich bist du doch glücklich in deiner Beziehung! Lass uns also einen Blick auf mögliche Ursachen werfen:


1. Entzauberung

Mit der Vertrautheit in längeren Beziehungen stellt sich auch eine Entzauberung ein. Der andere hat Pickel, lässt die Klobrille hochgeklappt oder ist bei weiten nicht so ordentlich, wie du dir das wünschen würdest. Du bist im wahrsten Sinn des Wortes Ent-täuscht und siehst den andern mit all seinen Ecken und Kanten.

Die Täuschung durch die rosarote  Verliebtheitsbrille hat ein Ende, das Kribbeln im Bauch weicht Vertrautheit und auch ein wenig Langeweile kehrt ein. Gerade diese Vertrautheit und Sicherheit in einer Beziehung können ein Abenteuer so reizvoll erscheinen lassen.


2. Eine Leinwand für unsere Sehnsüchte und heimlichen Wünsche

Die Entzauberung schürt die Sehnsucht nach jemanden, der unsere heimlichen Sehnsüchte erfüllt. Sich neu zu verlieben schafft für uns eine Projektionsfläche, die das möglich macht. Wir idealisieren unseren Schwarm und hoffen, das mit ihm oder ihr unsere Sehnsucht wahr und unsere Bedürfnisse befriedigt werden.

Das Neue und Unbekannte lässt uns Raum für unsere Projektion. Schließlich sind wir noch ver-zaubert und sehen im anderen vor allem dass, was wir sehen wollen.


3. Wieder gesehen werden

Nach der Findungsphase werden für viele Paare andere Dinge wichtiger: Kinder, Hausbau, Karriere bestimmen den Alltag und die Partnerschaft  tritt ein stückweit in den Hintergrund. Energie, die wir dann in unsere Beziehung einbringen wird zur Selbstverständlichkeit, einfach, weil es Teil des Alltags geworden ist.

Mittagessen kochen, die Kinder von der Kita abholen, den Rasen mähen etc. - Komplimente gehen in der Routine unter und oft fühlen wir uns so weniger gesehen und wertgeschätzt.

Wenn dir jetzt jemand begegnet, der dieses Loch füllt, dann ist es relativ schnell um dich geschehen. Dabei geht es oft gar nicht so sehr um die Person, sondern mehr um die Wertschätzung, die du erfährst.

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4. Ein Bedürfnis stillen

Manchmal begegnen uns Menschen, die etwas in uns zum Schwingen bringen. Und oft ist das etwas, das wir - bewusst oder unbewusst - in unserer aktuellen Beziehung vermissen.

Einige unserer inneren Anteile sind also nicht gut versorgt und sehnt sich nach vertrauten Gesprächen, das Gefühl angehimmelt werden oder sich an jemanden anlehnen zu können. 

Oft bemerken wir gar nicht, das uns in unserer Beziehung etwas fehlt, bis jemand in unser Leben tritt und genau diesen Punkt zum schwingen bringt. 


5. Einfach so

Oft genug verlieben sich Menschen ohne ersichtlichen Grund fremd. Und wenn du nach reichlicher Prüfung alle anderen Gründe ausschließen kannst, ist auch das völlig ok. Es ist also durchaus möglich sich fremd zu verlieben, ohne dass es in deiner Beziehung eine Schieflage geben muss. 


Was du jetzt tun kannst

Wir haben bis jetzt festgestellt, das Gefühle für jemanden Drittes erst mal da sein dürfen und vielleicht ein Hinweis auf ein unerfülltes Bedürfnis in unserer Beziehung sein könnten.

Das Gefühlschaos mit all seine Facetten ist aber gar nicht so leicht in den Griff zu bekommen. Gefühle von Verliebtsein, Scham, Schuldgefühlen, sich hingezogen fühlen, Wut auf den Partner oder die Partnerin wechseln sich häufig so schnell ab, das einem schwindlig werden könnte.

Schnell fühlen wir uns festgefahren und drehen uns immer wieder im Kreis. Sollte ich mich trennen oder meine Schwärmerei aufgeben, sind dabei die beiden Pole, zwischen denen wir uns bewegen. Was hilft jetzt aber?


1. Ruhe bewahren

Mach dir bewusst, dass du im Moment keine Entscheidung treffen musst. Beide Gefühle - Verliebtsein und Liebe - dürfen für eine Zeit lang nebeneinanderstehen. 

Ein achtsamer Umgang mit deinen Emotionen hilft dir dabei, Ruhe zu bewahren. Im Gefühlschaos eine Entscheidung zu treffen wird dir langfristig nicht weiterhelfen und wäre deinem Partner / deiner Partnerin gegenüber nicht fair. 

Achtsamkeit hilft dir an der Stelle auch dein schlechtes Gewissen nicht überhand nehmen zu lassen. Ein schlechtes Gewissen bedeutet schließlich nur, dass du deinen Partner nicht absichtlich verletzen möchtest und spricht somit für dich.


2. Abstand schaffen und nach Ursachen forschen

Mit etwas Abstand gelingt es dir leichter in mehr Klarheit zu finden. Reduzier den Kontakt zu deinem Schwarm und gehe für eine Zeit lang auf Distanz, um in Ruhe nachdenken zu können.

Natürlich kannst du dich auch Freunden und Bekannten anvertrauen und dir Rat einholen. Aber unterm Strich ist es dein Leben und sind es deine Entscheidungen.

Vielleicht gibt es ja auch etwas in deiner Beziehung, was dein Fremdverliebtsein begünstigt hat? Im Folgenden findest du eine kurze Liste mit Fragen, die dir helfen können, dich besser zu reflektieren:

5 Fragen zu deiner Beziehung

  • auf eine Skala von 1- 10 wie glücklich warst du vor einem Jahr in deiner Beziehung?
  • welches Gefühl hat dich und dein Partner am meisten verbunden?
  • wenn du nur eine Sache in deiner Beziehung ändern könntest, welche wäre das?
  • wenn du deinen Partner noch mal kennenlernen würdest, womit könnte er dein Herz gewinnen?
  • was denkst du, vermisst dein Partner / deine Partnerin in eurer Beziehung?

5 Fragen zu deinem Schwarm

  • was wäre das beste, das du in einer neuen Beziehung finden könntest?
  • mal angenommen, du würdest dich für deinen Schwarm entscheiden, wie sähe euer Leben in 2 Jahren aus?
  • worüber würdest du am meisten trauern, wenn du deinen Schwarm aufgibst?
  • was musst du aufgeben, wenn du dich wieder ganz deinem Partner zuwendest?
  • was hat dein Schwarm, was auch dein Partner hat?

3. Transparenz schaffen

In polyamoren Beziehungen darf man sich fremdverlieben. Hier ist es erlaubt - meist neben einer Hauptbeziehung - weitere Liebschaften zu pflegen. 

Interessant ist dabei, dass hier Transparenz und Commitment die wesentlichen Bestandteile sind, die polyamore Beziehungen stabil halten (Herbert et al, 2013, Cook, 2005). Transparenz verbindet, schafft Vertrauen und bietet die Möglichkeit zum Austausch, auch wenn das manchmal wehtut. 

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Auch wenn dein Beziehungsentwurf anders aus sieht als bei polyamoren Paaren, ist Transparenz nicht nur ein Gebot der Fairness gegenüber deinem Partner, sondern auch ein gangbarer Lösungsweg.

Ich kann mir vorstellen, das dir der Gedanke, dich deinem Partner / deiner Partnerin zu offenbaren, erst mal Bauchschmerzen verursacht und das vielleicht nicht nur wegen dem anstehenden Gespräch.  

Transparenz bedeutet nämlich auch, das du dich über kurz oder lang entscheiden musst. Ein heimliches nebenher von Liebe und Verliebtsein ist dann nicht mehr möglich und wahrscheinlich wirst du das Gefühl haben, etwas aufgeben zu müssen. 

Dich deinem Partner / deiner Partnerin zu öffnen ist wichtig und sollte aus den richtigen Motiven heraus erfolgen. Es sollte keine Beichte sein, sondern die Möglichkeit zu einer neuen Beziehungsgestaltung eröffnen. 

Partner*innen reagieren ganz unterschiedlich auf die Nachricht, dass sich der andere fremdverliebt hat, oft aber positiver als gedacht. Voraussetzung ist dabei das es ein Fremdverlieben und kein Fremdgehen ist (Letzteres ist ein Thema für einen weiteren Blogartikel)! Lass dich also von der Reaktion deines Lieblingsmenschen überraschen.

Ich glaube, dass Transparenz und eine dann gemeinsame Ursachenforschung Antworten auf die Frage: "Wie werden und bleiben wir zusammen glücklich?" liefert. Und das ist ein prima Ausgangspunkt, um die Dinge, die du in deiner Beziehung vermisst - aber die Veränderungswünsche deines Lieblingsmenschen - anzugehen.

 

Abschiede und Neuanfänge

Wenn du dich Fremdverliebt hast, dann stehst du früher oder später vor einem Abschied. Abschied nehmen fällt den meisten von uns nicht leicht und will gelernt sein.

 Trauer und Liebeskummer gehören oft dazu, wenn du dich für deinen Partner entscheidest. Manchmal sind wir im Kopf schneller und unsere Emotionen brauchen mehr Zeit, um das vergangene zu verarbeiten, manchmal ist es genau anders herum.

Sich Zeit zu lassen und auch Trauer als Teil des Prozesses zu verstehen und anzunehmen, macht es leichter. 

Es hilft, den Blick wieder auf die Beziehung zu richten, das gibt dem Abschied ein konstruktives Gegengewicht.

Einen leichten und eher spielerischen Einstieg in einen Veränderung gelingt euch, wenn ihr den Fokus auf die guten Dinge in euer Beziehung legt und euch erlaubt Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen. Viellicht hilft euch ja ein Blick auf diesen Blogartikel weiter.




Quellen: 

Herbert, M., Radeva, A., Zika, E. (2013)., Polyamorie: Warum (nicht) einfach lieben? System 2013; URL: http://www.marionherbert.at/Herbert_et_al_Polyamorie_2013.pdf

Cook, E. (2005). Commitment in Polyamorous Relationships. Regis University.  URL: https://epublications.regis.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1893&context=theses



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